· 

Mars-Attack

Gegen Ende Monat kriegen wir Besuch ausserirdischer Art. Eine Interessentin für die Lebensgemeinschaft, nennen wir sie mal ET, hatte sich gemeldet und ihr Interesse kund getan. Bei einem ersten Telefongespräch erzählte ET aber gleich von ihrem wichtigsten Anliegen, nämlich dem “sich-selber-heilen-können”. Auch, dass sie eine Krankenkasse für überflüssig halte. Da sie stolze 78 ist, war das doch recht eindrücklich. Aber ja, da draussen im grossen weiten All ist doch wohl allerhand möglich. Trotz dieser doch etwas schrägen Aussagen wirkte sie sympathisch und herzlich auf mich und ich nannte ihr einen möglichen Termin für einen Besuch vor Ort. Diverse Unterredungen mit Annette und Angela liessen aber einige Fragen aufkommen, und ich schrieb ihr ein Mail, um nachzufragen, wie das denn nun genau mit der Krankenkasse gemeint war – im nachhinein war ich mir da nicht mehr sicher, wie dies nun genau auf ihrem Heimatstern war. Auf diese Anfrage erhielt ich keine Antwort, aber dafür einige Tage später einen Anruf vom Bahnhof, wo sie sich noch einmal nach dem Zielbahnhof erkundigte. Das Telefonat war undeutlich und gestresst, da ET am Bahnschalter stand. Nun gut, wir wussten, ET kommt uns besuchen.

Als wir sie am Bahnhof abholten stand uns da eine doch recht fitte, grosse und schöne Frau gegenüber. Am gemeinsamen Abendessentisch nun erzählte sie uns von sich. Ihre Botschaften waren klar und eindeutig. Das Gespräch aber sehr einseitig. Denn sie redete und redete.... oder wohl besser gesagt, sie verkündete und verkündete. Meine Frage bei unserem ersten Telefongespräch, ob sie denn missioniere mit ihrem Anliegen, verneinte sie ganz klar. Nun aber, endlich am runden Tisch, umgeben von zwei terrestrischen Zuhörern mit grossen Ohren, gab es für unsere Ansichten oder für andere Themen keinen Platz mehr. Sie war sehr Raum einnehmend und der Verdacht, dass da quasi eine Mars-Attack oder Offensive der ausserirdischen Art im Gange war, machte sich breit. Wir gingen platt und müde ins Bett. Am anderen Morgen meinte sie, es wäre doch nicht der richtige Platz für sie. Wahrscheinlich war ihre Mission beendet, der “Feind” begutachtet, für nicht relevant und lohnend betrachtet, und als erledigt abgebucht. Mich hätten diese extraterrestrischen Ansichten eigentlich schon interessiert, und ich hätte ihr noch ein wenig mehr Zeit gegeben, um die Offensive vielleicht in eine friedliche Mission umzuwandeln. Aber ich war dann doch instinktiv schneller am PC, um zu schauen, wann der nächste Zug geht, als dass ich mich dagegen gewehrt hätte. Als ich auf der Fahrt zum Bahnhof dann mal festhielt, dass ich die Kommunikation doch sehr einseitig fand, und dass ich es schätze, wenn die Kräfte beim Reden ausgewogen sind, meinte sie, “Ja, da hast du Recht, das muss ich noch lernen, in die Balance zu kommen”, und schwatzte dann aber munter weiter bis zum Bahnhof. Das i-Tüpfelchen war dann noch die Aussagen, dass irgendwelche Mächte diese Kondensstreifen von den Flugzeugen, dazu benutzten, um die Sonne zu verdunkeln. Na, ja, sie muss es ja wissen, als ET!

Sie gab uns Stoff für einige Tage, die liebe ET. Man ist versucht, eine Moral der Geschichte zu finden, muss sich aber eingestehen, dass man nicht alle Fäden in Fingern hält. Und gegen solchen Missionierungseifer ist man nur bedingt gefeit. Verstehen ist da schwierig. Die grosse Frage, wieso so jemand, der auf einem derart einzelkämpferischen Vereinnahmungspfad ist, sich in eine Gemeinschaft einbringen will, bleibt unbeantwortet. ETs Vorstellung, dass in letzter Konsequenz, wir sie, sollte es ihr dann trotz ausserirdischer Fähigkeiten, sehr schlecht gehen, einfach liegen lassen sollten, konnten wir uns zwar (wenn auch recht abstrus) vorstellen, sie aber umgekehrt nicht, dass dies uns moralisch, gemeinschaftlich, gesetzlich und auch praktisch in arge Bedrängnis bringen würde. Unser Problem! Ok.

Ich hoffe einfach, dass wir nie von ETs von solch einem Stern überfallen werden!

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben