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Vor dem Winter - ein Gedicht von Eva Strittmatter

 

Ich mach ein Lied aus Stille

Und aus Septemberlicht.

Das Schweigen einer Grille

Geht ein in mein Gedicht.

 

Der See und die Libelle

Das Vogelbeerenrot.

Die Arbeit einer Quelle.

Der Herbstgeruch von Brot.

 

Der Bäume Tod und Träne.

Der schwarze Rabenschrei.

Der Orgelflug der Schwäne,

Was es auch immer sei,

 

Das über uns die Räume

Aufreißt und riesig macht

Und fällt in unsre Träume

In einer finstren Nacht.

 

Ich mach ein Lied aus Stille.

Ich mach ein Lied aus Licht.

So geh ich in den Winter;

Und so vergeh ich nicht.

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben