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Ankommen - ein kurzer Zwischenbericht

Ein Sonntag. Ruhig und sonnig. Aber noch ist meine innere Ruhe nicht zurückgekehrt. Ich fühle mich noch immer im Wirbel der Dinge, der Kopf arbeitet, und die Aufmerksamkeit hüpft von praktischen Überlegungen zu Listen von Einkäufen und Erledigungen. Das Herz schlägt wild und der Atem ist flach. 

 

Mit diesen Sätzen versuche ich, mich innerlich zurückzulehnen. Ich atme aus, immer wieder, um tiefer zu gelangen. Ich fühle eine feine Trauer, und ich fühle ein Jauchzen. Diese so widersprüchlichen Gefühle sind schwer zu fassen. Woher kommt die Trauer? Um das Vergangene? Ich denke schon... und dann war da auch ein grosser Kraftakt. Der Umzug, das Loslassen und Einfinden hat enorm viel Kraft verbraucht und eigentlich bin ich müde. Ja, die Trauer ist bloss eine Art Sehnsucht nach Ruhe und Einkehr. Im Moment ist es noch nicht möglich. Es braucht noch Zeit. 

 

Und dann ist da dieses grossartige Gefühl, was mir dieses Haus und der Garten vermittelt. Die Räume wirkten von Anfang an aufgeräumt und rein. Wir haben ein Arsenal an Räucherwerk mitgebracht, um alle alten und verstaubten Ecken von allfälligen Überbleibseln zu reinigen. Aber es war gar nicht nötig. Wird es vielleicht noch, in den Details. Mir kommt es vor, als würde eine uralte Sehnsucht nach diesen dicken Mauern und den tiefen Fenstern in mir gestillt werden. Es ist kaum zu fassen! Ich wusste es vorher nicht, welches Wohlgefühl mir solch ein Haus vermitteln kann. Natürlich sind es auch andere konzeptionelle Einrichtungen, die mir dieses Gefühl vermitteln... wie die Küche liegt, was sie alles zulässt, wie sehr ich mich zurückziehen kann, wieviel Ruhe es hier gibt, die Holzöfen, der Holzherd, die Steinmauern und der alte Tonette-Boden, die Holzdielen in den Schlafzimmern, die überdeckte Terrasse mit Blick in den Süden, das Dorf, was so nahe ist und noch vieles mehr. 

 

Ah, und hier gab und gibt es ein schönes Zeichen! Wir wurden zu einem kleinen Kongress im Saal vom Restaurant Le Porche du Bonheur eingeladen. Ein älterer Herr, der die letzten 4 oder 5 Jahre 4000km durch Frankreich gewandert ist, von einem zum anderen alternativen Projekt, und der dabei viel Wissen und Erfahrung gesammelt hat, erzählte von eben diesen Ideen und Visionen. Es scheint, Issy l'Évêque hat sich zum Ziel gesetzt, bis in 20 Jahren unabhängig von Energie und Ernährung zu werden! Der Auftakt war dieser informeller Abend. In einer Woche wird es einen Film zum Thema Transition geben und die Gelegenheit für alle, die vertiefter interessiert sind, sich für diese Projekt einzuschreiben. Na, wenn das kein Ruf ist! 

 

Es scheint, der Eisvogel ist nicht mehr präsent. Ja, ich habe sogar den Eisvogel aus Eisen in Maison Libellule vergessen! Nun, er wird mir immer als Botschafter des Übergangs und des schnellen geradlinigen Fluges nah am Herzen sein. Er, der das stille Gewässer liebt, die Abwesenheit der Menschen. Aber als Motto für Somme Lumière tritt er in den Hintergrund.

Was dafür umso mehr in Erscheinung und in den Vordergrund tritt, ist der Bach, der entlang der südlichen Grundstücksgrenze verläuft. Dieses wundervolle klare Wasser, was um Baumwurzeln und über Sandbänke fliesst und dabei unerschöpflich von Dingen erzählt, die in ewiger Bewegung sind, berührt mich zutiefst. Mit Isabella hatte ich einen Vollmondspaziergang entlang des Bächleins unternommen. Unbeschreiblich schön war es! Das gespiegelte Vollmondlicht auf dem sich bewegenden Wasser, die Schatten der Erlen am Bach entlang, der Blick über mondlichtgefluteten Weiden, mir war fast schwindlig ab all dem Zauber.  

 

Ich bin sehr froh, dass ich in dieser aufwühlenden und anspruchsvollen Zeit nicht alleine bin. Auch um die Hilfe von Freunden, die dazu kamen und mithalfen. Es war so grossartig! Und es ist alles einfach so wunderbar aufgegangen. Alle und alles war immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Oder wenigstens ganz ganz viel! 

 

Die Entscheidung, den Umzug mit Containern zu bewältigen war absolut passend. Wir hatten so kaum Stress und einfach genügend Zeit fürs Einräumen und auch wieder Einräumen. Der kommende Winter lässt uns ausserdem Zeit mit der Einrichtung des Gartens. Ich kann mich also vollkommen auf das Haus konzentrieren. Ein paar Arbeiten werden zu vollbringen sein, wie z.B. gewisse Türen auswechseln, eine zusätzliche Toilette einbauen, das Studio mit grösseren Türen/Fenstern zu versehen und das Atelier auszubauen. Aber dafür ist Zeit. Gut so. 

 

Und langsam kehrt auch die innere Ruhe ein. Nun ist schon Montag morgen, demnächst wird das Feuerholz geliefert, die Katzen haben sich eingefunden, wir haben uns eingefunden, haben den ersten "Wochensprech" - Angelas Worterfindung für unser gemeinsames Wochengespräch - abgehalten, und wachsen noch ein wenig mehr zusammen. 

 

Beide, Stefanie und Angela, bleiben vermutlich über den Winter hier. Das freut mich sehr. Ist doch genau dies der Plan. Nämlich, immer mal wieder Menschen auf Zeit um mich zu haben. 

 

Mein Projekt, Lebensgemeinschaft auf Zeit, habe ich ein wenig verändert. Das Zeitmodell "Auszeit" gibt es in dem Sinne nicht mehr. Nur noch Work-Life. Ausserdem habe ich die Preise vereinfacht. Es gibt nun für die Zimmer im Haus einen Einheitspreis. Das Studio wird ein wenig teurer bleiben. Aber vielleicht geht ihr selber schauen. 

 

Allerherzlichste Grüsse aus Somme Lumière

Silvana

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben