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Der Laden der Wünsche

Neulich ging ich durch die Stadt – und erblickte einen Laden, der mir zuvor nie aufgefallen war. Ein verführerischer Geruch ging von ihm aus. Nicht nach Schokolade... nach... hm... ich kann es gar nicht genau sagen... Zudem zog mich dieses warme Licht, das durch die Tür auf die Straße schien, magisch an.

 

Mit einem Mal stand ich mitten im Laden und sah: Hinter dem Tresen stand ein Engel! Ich war völlig erstaunt und muss ihn sehr irritiert angesehen haben. „Ein Engel in einem Laden! Was kann ich denn hier kaufen?“

 

Der Engel lächelte. „Die Gaben Gottes.“

 

Meine Verwirrung steigerte sich noch einmal um ein Vielfaches.

„Oh... Die Gaben Gottes? Sind sie teuer oder kann ich mir sie wohl auch leisten?“

 

Immer noch lächelte er. „Es ist alles kostenlos.“

 

Da erst sah ich mich genauer um und betrachtete aufmerksam all die Dinge, die es in diesem Laden gab. Da standen Krüge voller Glück, Päckchen mit Hoffnung, Körbe, die mit Zufriedenheit überquollen, Schachteln gefüllt mit Weisheiten, Tüten mit Vertrauen.

 

Da fasste ich mir schließlich ein Herz.

„Wenn das so ist... dann würde ich auch gern etwas bestellen... bitte... Ich hätte so gerne ein Glas Glauben, viel Glück für mich, meine Familie und Freunde; eine ordentliche Portion Mut, eine große Tüte Vertrauen, reichlich Dankbarkeit, Vergebung und eine große Liebe zu allem.“

 

Der Engel schwebte mal hierhin und mal dort hin, kramte in einem hohen Regal und dann in einer großen Kiste – und am Ende reichte er mir ein Päckchen, das so klein war, dass es in der Innenfläche meiner Hand Platz fand.

 

Ich schaute ihn ungläubig an. „Hast du all das, was ich mir gewünscht habe, in dieses Päckchen getan?“

 

Dieses Mal lächelte er noch herzlicher als zuvor.

„Meine Liebe – in diesem Laden gibt es keine Früchte zu kaufen, hier gibt es nur den Samen.“

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben