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Meine Vorstellungen einer gelungenen WG

Ich wünsche mir Mitbewohner, die ein ruhiges und doch inspirierendes Miteinander wollen. In den vergangenen Jahren habe ich so einige Erfahrung mit gemeinschaftlichem Leben machen dürfen. Work-Life-Gäste bereicherten mein Leben in Frankreich in immer wieder neuen Konstellationen. Ich habe schon damals versucht, meine Vision eines neuen Miteinanders in Worte zu packen. 

 

Für mich macht es viel Sinn, nicht nur Wohnraum, sondern auch Ressourcen (Know-how, Fahrräder, Haushaltsgeräte usw.) und Ideale (Ökologie, Selbstversorgung, Kommunikation, Ernährung, Genuss usw.) zu teilen. Miteinander ist man stark. Das wissen wir schon sehr sehr lange. Wieso sollten wir alleinstehend bleiben, wenn der passende Partner auf seinem weissen Pferd uns partout nicht über den Weg laufen will? Wieso sollten wir, nachdem unsere Energien nicht mehr von einem aufreibenden Job oder der Kindererziehung verschlissen werden, die Hände in den Schoss legen und dem mit Garantie kommenden Ende in aller Bescheidenheit und Zurückgezogenheit entgegenblicken? Wieso Mahlzeiten alleine in einer riesigen Wohnung einnehmen oder Abende alleine hinter der Flimmerkiste verbringen? Natürlich entscheidet das jeder für sich; jeder wird auf seine Art glücklich. Aber ich finde, das Gefühl, nicht alleine zu wirken, sondern zusammen, ist mächtig und befriedigend. Wir können uns gegenseitig inspirieren, motivieren, nähren, unterstützen und helfen.  

 

Mir ist klar, dass es eine grosse Herausforderung ist, als gestandener Mensch mit gewachsenen Ecken und Kanten, sich mit anderen, ebenso gestärkten Menschen, zusammenzufinden. Das Zusammenleben kann definitiv auch anstrengend werden. Das haben Beziehungen so an sich. Meine tiefe Überzeugung ist es aber, dass auch wenn es auf der einen Seite Energie braucht, es auf der anderen Seite auch viel Energie erzeugen kann.  

 

Nebst den üblichen mehr oder weniger bekannten "Tools", wie z.B. den WIR-Prozess von Scott Peck oder Erkenntnissen, wie die fundierten Überlegungen von Diana Leafe Christian zu "Merkmale einer erfolgreichen Gemeinschaft" gibt es inzwischen viel Know-how, auf das man zurückgreifen kann. So zum Beispiel auch der Leitfaden für die Wertehaltung, den die Lebensgemeinschaft Tempelhof verfasst hat, und den ich ein wenig eingekürzt habe. Gerne würde ich zusammen mit den ersten Mitbewohnern dieses "Commitment" als Anhaltspunkte und Grundlage für eine von allen geachteten Deklaration unserer eigenen Wertehaltung verwenden, allenfalls unseren Vorstellungen anpassen und bestimmt auch weiterentwickeln. 

 

Dennoch bleibt es eine Herausforderung, die man auch wollen sollte. Ohne die Lust, sich mit sich und anderen auseinander setzen zu wollen, führen Gemeinschaften wohl über kurz oder lang in Sackgassen. Für mich ist Kommunikation ein regelrechter Potentialentfalter. Ich glaube, dass über den Austausch, über Feedback und ein Dranbleiben - wohlverstanden immer in einem liebevollen und respektvollen Umgang - Wachstum und Bewegung möglich ist. Und das ist meine Vorstellung von einem aktiven und reichen Leben. Ich glaube an Wege, die uns mehr und mehr weg vom Ego und hin zum Wir führen. Ich glaube daran, dass wir im Miteinander unser Potential und viel Kraft entfalten können. Und ich glaube auch, dass wir unser Selbstvertrauen so entwickeln können, dass wir uns mit all unseren Seiten annehmen und zeigen können. Das Leben lädt zum Teilen ein, die Freuden, wie auch den Kummer.

 

Ich denke, jeder hat in seinem Leben genügend Erfahrungen gemacht, hat sich geformt und ist zu dem geworden, was er/sie heute ist. Die Akzeptanz für das Andersartige und die Toleranz gegenüber der "Macken" eines jeden ist in meinen Augen Voraussetzung für ein wohlwollendes Zusammenleben. Eine weitere Voraussetzung ist bestimmt, genügend Freiraum zu haben. Es braucht Rückzugsräume, innere wie äussere. Das gemeinschaftliche Kredo (sieh oben unter Leitfaden für die Wertehaltung) soll in erster Linie als eine Art Leitplanke verstanden sein, welches aber trotzdem ernsthaft anerkannt wird. Es soll nicht so sein, dass man sich Abende lang und immer wieder über solche Themen auseinandersetzen muss. Ein jeder soll sein Leben so leben können, wie er oder sie will, sofern es nicht die "Räume" der anderen stört. Trotzdem glaube ich, dass eine bewusste, gemeinsame und übereinstimmende Ausrichtung hilft, unser Ziel eines gelungenen und bereichernden Zusammenlebens zu erreichen. 

 

Ich bin überzeugt, dass auch gemeinsame Rituale eine Gemeinschaft stärken und ein Gefühl des "Verbunden-Sein" schafft. Ich fände es daher wichtig, dass wir uns zum Beispiel einmal die Woche explizit Zeit für uns und für das Miteinander nehmen. Eine Befindlichkeitsrunde (über den Link findet ihr eine ausführlichere Erklärung) kann da enorm viel bewirken. Ein jeder erzählt von sich und seinem Erleben, ohne dabei Kritik auszuüben. Niemand ist aufgefordert, dazu Stellung zu nehmen, sondern das Gesagte soll einfach angenommen und verinnerlicht werden. Ausser es wird um Feedback gebeten. 

 

So, nun wünsche ich mir, dass sich passende Menschen angesprochen fühlen und bald melden, und dass aus den vielen Ich-Botschaften auf diesen Seiten bald ein echtes Wir entsteht.

 

Silvana 

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben