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Heidnisches Gebet

"Die Vögel sind zugange

Vor der gesetzlichen Zeit.

Ist es auch nicht mehr lange:

Noch ist es nicht soweit, 

Dass man sagen kann: Es ist Frühling. 

Feindliches kann geschehen. 

Fröste können rückfallen. 

Die Winde können sich drehn. 

Die Alten, die alles schon sahen, 

Wiegen bedenklich das Haupt

Über Zeiten, die geschahen, 

Die heut kein Mensch mehr glaubt:

Blühende Bäume und plötzlich 

Stürme und Schübe von Schnee

Nach einem schneelosen Winter

Und: Herr, Dein Wille gescheh!

Ich fürchte für die Amsel, 

Die singt über dem Reif, 

Der früh die Wiesen silbert, 

Und vor dem Himbeerstreif, 

Der aller Morgen östlich

Überm Walde aufersteht, 

Zyklam-goldamethysten

Als Türkis vergeht. 

Die schöne Himmelsblüte

Heisst Kälte und Gefahr. 

Der oder jener behüte

Die Amsel und das Jahr! "

Eva Strittmatter aus Sämtliche Gedichte

 

L i b e l l e n t a n z

 

Wir Libellen hüpfen in die Kreuz und Quer, auf den Quellen und den Bächen hin und her.

Schwirrend schweben wir dahin im Sonnenglanz; unser Leben ist ein einz'ger Reigentanz.

Wir ernähren uns am Strahl des Sonnenlichts, und begehren, wünschen, hoffen weiter nichts.

Mit dem Morgen traten wir ins Leben ein; ohne Sorgen schlafen wir am Abend ein.

Heute flirren wir in Freud' und Sonnenglanz; morgen schwirren andre hier im Reigentanz.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben