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Lebensgemeinschaft Tempelhof - Kennenlernwochenende

Erfahrungsbericht

Von Donnerstag Abend bis Sonntag Mittag erlebte ich 3 Tage intensivster Informationsvermittlung, Erfahrungen und Austausch. Wir waren eine Gruppe von ca. 25 Personen zwischen 30 und 65, davon 3 Paare mit Kindern, die aber jeweils von gemeinschaftlichen Jugendlichen abgeholt wurden und ihre Zeit spielend verbringen durften. Was ich in dieser Zeit erlebt habe und wie es mir dabei ging, will ich versuchen hier ein wenig festzuhalten. 

Geschlafen habe ich in meinem Auto auf einer aufblasbaren Matratze, was so einigermassen gut ging. Wenn ich nächste Woche für 7 Tage als Helferin dahin gehe, werde ich ein richtiges Bett bekommen. Gegessen haben wir sehr lecker. Die Küche, die von der hauseigenen Gärtnerei weitestgehend versorgt wird, bietet saisongerechtes Biogemüse, fein zubereitet und als Buffet bereitgestellt. Wir haben drei mal täglich ausgiebig und gut essen können. Es wurden uns diverse Bereiche der Gemeinschaft erklärt und auch ausgeführt. Es gibt so viel Spannendes und Überzeugendes, das es kaum zusammenzufassen oder wiederzugeben ist.

 

Eines aber will ich auf jeden Fall hier festhalten. Die Zahlen unten erschrecken den einen und anderen bestimmt, vor allem sicherlich Familien. Die Summe von 32.000 Euro besteht aus 10.000 für den Genossenschaftsanteil, den man wiederbekommt, wenn man austreten würde. Die restlichen 22.000 verbleiben in der Gemeinschaft auch wenn man sie wieder verlässt. Allerdings bezahlt man diese Summe erst, wenn man die Annäherung nach 1 Jahr abgeschlossen hat und mit grosser Sicherheit weiss, dass man hier leben will und natürlich auch angenommen wird.

 

Wenn man sich bewusst macht, was man alles für dieses Geld bekommt, nämlich ein lebenslanges Wohnrecht (bis zum Tod, wenn es sein soll), diverse gemeinschaftliche Räume, ein mögliches Arbeitsangebot auf dem Platz (der Tempelhof beschäftigt ca. 60 Personen), Carsharing vor Ort, ein sicherer, kreativer und fördernder Platz für Kinder (wie auch für die Erwachsenen), hochwertige Nahrung, die fertig zubereitet zur Verfügung steht (es kann aber auch selbst gekocht werden), und nicht zuletzt die Abwesenheit von grenzenlosem Konsum! Man lebt wie im Eigentum, ist entsprechend auch zuständig, die Organisation ist so, dass man gleichermaßen Vermieter wie auch Mieter ist. Man ist umgeben von sozial hochkompetenten Menschen, die einem helfen, wenn man in der Krise steckt. Es gibt fast jeden Tag irgendwelche Anlässe, an denen teilgenommen werden kann. Es wurde uns gesagt, dass die Herausforderung darin besteht, nicht das Gefühl zu haben, an allem teilnehmen zu müssen/wollen, sondern sich abgrenzen zu können. 

 

Die Tempelhofer sind so gut aufgestellt, haben viele und breitgefächerte Erfahrungen gemacht, dass man dort eine wirklich durchdachte, sattelfeste und gleichzeitig extrem offene Gemeinschaft antreffen kann. Zur Zeit leben da ca. 90 Erwachsene und 30 Kinder. Viele Informationen zu Aufbau und Struktur, auch Philosophie und Ausrichtungen kann man auf ihrer Homepage nachlesen. 

 

Wie ist es mir nun ergangen? Ich habe mich sehr wohl gefühlt in diesen Tagen, habe feine Gespräche geführt und war dann auch immer wieder parat für neue Infos oder Austausch. Agnes, die eine der Gründerinnen ist, hat uns mit viel Gespür durch diese Zeit begleitet. Sie hat alle Fragen gut und ausgewogen beantwortet. Sie war auch mit dabei als wir abends rings um das Feuer sassen, war mit uns essen und gab uns überhaupt das Gefühl, ernst genommen bzw. einfach gesehen zu werden. Einige in der Gruppe wurden immer mal wieder offensichtlich heftig durchgeschüttelt, weil es ja doch unser Innerstes berührt, wenn klar wird, was alles in der Welt schief läuft und wie viel besser man es machen könnte und so auch in den Genuss von Liebe und Zuwendung kommt. Oder die Offenheit! Was es mit einem macht, wenn man seine Gefühle zeigt und mitteilt! Es erinnerte mich stark an meine Zeit in Glarisegg, wo ich einfach immer wieder in Tränen ausgebrochen bin, weil ich mich so berührt fühlte. Diesmal war es anders. Auch wenn ich auch sehr berührt und betroffen war, ich hatte eine tiefe innere Ruhe, die mich die ganze Zeit hindurch begleitet hat. Ich fühlte mich ein wenig wie in einer Beobachterrolle, nahm Anteil an den Gefühlsausbrüchen der anderen, aber konnte dabei gut bei mir bleiben, ohne in einer hektische Gedankenwelt herumzusurfen. Ich erlebte das Sein in der Gruppe und auch das Wandeln durch das Gelände als sehr erdend und friedlich. Sogar als ich am letzten Tag dann meine Frage nach der Möglichkeit Katzen mitzubringen gestellt hatte, und die Antwort auch hier (ähnlich wie in der Gemeinschaft Sulzbrunn) eher negativ ausgefallen ist, weil es eben einfach schon viel zu viele Katzen vor Ort gibt, wechselte meine spontane Enttäuschung in einer Haltung von "nicht aufgeben, weitermachen" oder "wenn es sein soll, dann findet sich ein Weg". Natürlich hat Agnes nicht nur ein knappes Nein dazugegeben. Sie hat - so meine ich - mehr oder weniger indirekt vermittelt, dass, wenn auf der anderen Seite ein gutes Einbringen und Engagement vorhanden ist, es auch immer Wege und Möglichkeiten gibt. 

 

Wie bei allen Gemeinschaften, die ich bis jetzt besucht habe, gibt es auch am Tempelhof aktuell keine freien Wohnplätze. Die Tempelhofer haben ein grösseres Wohnprojekt im Sinn, was demnächst zur Abstimmung gelangt. So würden in 1-2 Jahren neue Wohnräume geschaffen werden. Ich habe mir überlegt, dass es für mich ein sehr gut vorstellbarer Weg wäre, in einer Nachbarsgemeinde in eine kleine Wohnung oder vielleicht auch in eine WG mit anderen Interessierten zu ziehen. Da der Tempelhof das Essen (wenn gewollt, drei mal am Tag) als gemeinschaftlichen und verbindenden Teil anbietet, wird diese Möglichkeit für mich interessant. Weder in Blumenthal noch in Glarisegg wäre dies möglich. Dort wird für Gäste gekocht und wer miteinander das tun will, organisiert sich selbst in seinen Privaträumen. 

Hier merke ich, dass mein grosser Wunsch gemeinsam zu kochen und vor allem zu essen sehr wichtig für mich ist. Die Möglichkeiten im Tempelhof ziehen mich daher schon sehr an. Aber ich will versuchen, dieses Element offen zu lassen. Es sollte ja schliesslich auch möglich sein, sich "privat" organisieren zu können. 

 

So, in einer Woche bin ich schon wieder im Tempelhof, um als Helferin eine Woche mitzuarbeiten. Ich hoffe, so noch näher an die Gemeinschaftsmitglieder zu kommen und mir einen tieferen Einblick in die verschiedenen Welten des Tempelhofes verschaffen zu können. Am Wochenende davor bin ich aber noch am Schnuppern im Tinyhousevillage im Fichtelgebirge. Auch das ist noch immer eine sehr ansprechende Option für mich. Ich werde sehen und dann bestimmt auch wieder berichten.   

 

Ein paar Fakten zu den Wohn- und Lebenskosten

Die Gemeinschaft Tempelhof ist genossenschaftlich organisiert.

Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen. Wer hier leben möchte, muss seine Finanzen offenlegen, zahlt nach dem Annäherungsjahr 32.000 Euro ein und erhält damit ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Ein Tempelhofer verpflichtet sich, monatlich 20 Stunden ehrenamtlich für die Gemeinschaft zu arbeiten. Die Miete liegt pro Quadratmeter derzeit zwischen 2,50 und 4,50 Euro, abhängig vom Sanierungsstand des Gebäudes. Hinzu kommen Gebühren für Internet, Telefon, Wasser und Strom. Der monatliche Beitrag für die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) ist ca. 350 Euro, für Kinder unter sechs Jahren entfällt er. Außerdem werden pro Kind zehn Quadratmeter Wohnfläche nicht berechnet.

Ein weiterer wichtiger Punkt bezüglich Kosten und Geld ist die Philosophie der Tempelhofer, ihre Finanzlage offen zu legen. Das heisst, es herrscht 100% Transparenz. Alle zwei Jahre wird dies vorgenommen und alle Genossenschaftler legen ihre finanzielle Situation offen dar. Dies entspricht der allgemeinen Haltung, möglichst keine Tabus zu haben und "hintergründige" Regeln und Haltungen ans Licht zu bringen. 

 

Die Wohn- Ess- und Seminarräume

Das Earthship vom Tempelhof

Das Earthship ist ein passiv-solar klimatisiertes Gebäude, das über einfache, intelligente Systeme zur Wassersammlung und -speicherung, Abwasserverwertung, Solarenergiegewinnung und -speicherung und Nahrungsmittelproduktion verfügt. Es dient dem kleinen Tempelhofdorf als Gemeinschaftsraum mit Wohn-/Koch-/Essräumen, sowie Bäder und Toiletten. Die Bewohner des Dorfes im Dorf leben in Jurten, Tinyhäusern und anderen Kleinwohnformen.